Eden Island
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Logbuch31. Juli 20269 Min. Lesezeit

Ostervilm: Was über die Insel berichtet wird und was davon stimmt

Marode, ungenehmigt, in Gründung: Wir sortieren, was über Ostervilm berichtet wird und was davon stimmt. Ohne Beschönigung, mit allen offenen Punkten.

Ostervilm: Was über die Insel berichtet wird und was davon stimmt
Ostervilm: Was über die Insel berichtet wird und was davon stimmt

Seit dem Zuschlag in Hamburg ist Ostervilm ein Medienthema. Eine 700 Quadratmeter kleine, künstliche Insel im Greifswalder Bodden, rund 1,5 Kilometer südöstlich von Vilm gelegen, in den 1950er Jahren als Entmagnetisierungsstation der Volksmarine errichtet, um Schiffe gegen Magnetminen zu schützen. Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben ließ sie versteigern, das Mindestgebot lag laut n-tv bei 39.000 Euro, der Zuschlag erfolgte bei 60.000 Euro an den österreichischen Unternehmer Oliver Pesendorfer.

Was danach folgte, war eine Mischung aus Faszination, Spott und Warnung. Der Berliner Kurier zitierte den Käufer mit dem Satz, er habe erst einmal einen Schnaps gebraucht. Der NDR berichtete nüchterner und gründlicher. Und Verbraucherschützer meldeten sich zu Wort. Wir halten das nicht für einen Angriff, sondern für den normalen Vorgang, wenn ein ungewöhnliches Vorhaben öffentlich wird. Deshalb dieser Text: eine Sortierung dessen, was berichtet wurde, was davon zutrifft und wo unsere eigenen Lücken liegen.

Der bauliche Zustand ist schlechter als angenommen, und das sagen wir auch selbst

Der NDR berichtete, dass die Schäden an der Anlage größer sind als ursprünglich vermutet. Genannt werden massive Feuchtigkeitsschäden, undichte und beschädigte Dächer, Korrosion an Beton- und Stahlstrukturen sowie erhebliche Vandalismusspuren im Inneren der Gebäude. Diese Beschreibung ist zutreffend. Wir widersprechen ihr an keiner Stelle.

Die Formulierungen in Boulevardmedien, die Insel sei "total kaputt", sind zugespitzt, aber nicht falsch. Wer über die Schwelle eines der Gebäude tritt, sieht keine charmante Patina, sondern Jahrzehnte ungebremsten Verfalls. Der Käufer selbst hat in Interviews eingeräumt, dass der Sanierungsaufwand sehr hoch ausfällt und die Insel viel kaputter ist als erwartet. Diese Aussage stammt nicht von Kritikern, sie stammt von uns.

Warum das kein Argument gegen das Projekt ist

Ein Objekt, das über 39.000 Euro Mindestgebot in eine Auktion geht und bei 60.000 Euro zugeschlagen wird, ist kein Schnäppchen mit verstecktem Wert. Es ist ein Objekt, das niemand haben wollte, weil der Aufwand den Kaufpreis um ein Vielfaches übersteigt. Genau das ist der Ausgangspunkt. Ein einzelner Investor müsste hier eine Rechnung aufmachen, die nicht aufgeht. Eine Gemeinschaft, die den Ort erhalten will, muss diese Rechnung nicht aufmachen. Sie muss ehrlich sagen, was sie tut und warum.

Die Verbraucherzentrale hat recht, und ihre Fragen sind unsere Fragen

In der NDR-Berichterstattung kommen Verbraucherschützer zu Wort, die vor finanziellen Risiken warnen. Die Verbraucherzentrale rät generell, Genossenschaftsmodelle als Kapitalanlage kritisch zu prüfen, insbesondere wenn hohe Einlagen mit spekulativen Projektentwicklungen wie der Sanierung einer maroden Insel verbunden sind. Konkret wird empfohlen zu prüfen, ob die Genossenschaft bereits eingetragen ist, wie die Satzung Mitbestimmung und Informationsrechte ausgestaltet und welche wirtschaftlichen Prognosen und Kostenkalkulationen vorliegen.

Diese drei Prüffragen sind gut gestellt. Wir würden sie jedem stellen, der uns 999 Euro anvertrauen soll. Und wir beantworten sie hier so, wie der Stand heute ist.

Ist die Genossenschaft eingetragen?

Nein, noch nicht. Die Eden Island eG befindet sich laut Berichterstattung in Gründung, Eintragung und Anerkennung stehen aus. Das ist kein Detail, sondern der wichtigste Punkt in der gesamten Debatte. Eine eingetragene Genossenschaft unterliegt der Prüfung durch einen genossenschaftlichen Prüfungsverband, und zwar bereits vor der Eintragung. Dieses Verfahren läuft, es lässt sich nicht abkürzen, und wir wollen es auch nicht abkürzen. Wer heute Interesse bekundet, tut das mit dem Wissen, dass die Struktur noch entsteht.

Wie ist die Satzung ausgestaltet?

Das Modell sieht laut NDR 1.000 Anteile zu je 999 Euro vor. Entscheidend ist das genossenschaftliche Grundprinzip: ein Mitglied, eine Stimme, unabhängig von der Zahl der gezeichneten Anteile. Wer zehn Anteile hält, hat keine zehnfache Macht. Das ist der strukturelle Unterschied zu jeder Beteiligungsform, in der Kapital Einfluss kauft. Die Genossenschaft soll nach dem Konzept Eigentümerin der Insel werden, Mitglieder erhalten Mitwirkungs- und Stimmrechte gemäß Satzung.

Welche Wirtschaftsplanung liegt vor?

Hier liegt die ehrlichste Lücke. Belastbare, öffentlich einsehbare Zahlen zu Investitionsvolumen, laufenden Kosten und erwarteten Einnahmen gibt es derzeit nicht in der Form, wie sie ein Prüfer sehen will. Sie entstehen im Gründungsprozess, und sie entstehen erst dann seriös, wenn der bauliche Zustand fachlich erfasst ist. Wir werden keine Prognose veröffentlichen, die schön aussieht und nichts trägt. Lieber schreiben wir hier, dass diese Zahl noch nicht steht.

Die rechtlichen Hürden sind real und werden nicht durch Begeisterung kleiner

Der NDR weist darauf hin, dass die genehmigte Nutzung der Anlage historisch militärisch geprägt ist. Eine Entmagnetisierungsstation ist baurechtlich etwas anderes als ein Ort für Workshops, Medienproduktionen oder Übernachtungen. Für eine touristische oder wohnähnliche Nutzung wären laut NDR Bau- und Naturschutzrecht zu prüfen, gegebenenfalls auch Wasserrecht und Denkmalschutz. Behörden betonen die Verpflichtung zum Umwelt- und Küstenschutz bei allen Umbau- und Nutzungsplänen, denn der Greifswalder Bodden ist ein sensibles Ökosystem.

Aus dieser Konstellation ergibt sich eine klare Einschätzung, die wir hier auch so vertreten: Es ist unseriös, heute Nutzungen zu versprechen, die morgen genehmigt sein müssten. Konkrete, genehmigte Nutzungspläne existieren nicht. Was existiert, ist ein Konzept. Der Unterschied zwischen beidem ist der Unterschied zwischen einem Antrag und einem Bescheid.

Unsere Haltung dazu ist nicht, die Hürden zu beklagen. Die Nähe zu Vilm, einem der streng geschützten Naturräume der deutschen Ostsee, ist keine Behinderung des Projekts, sondern Teil seiner Substanz. Ein Ort, der sich in ein empfindliches Gewässer einfügt, ohne es zu belasten, ist anspruchsvoller zu bauen als ein Ferienhaus an einer Straße. Genau darin liegt für Fachleute aus Architektur, Energie, Handwerk und Landschaftsplanung der Reiz. Wer hier mitplant, arbeitet an einer Aufgabe, für die es keine Schablone gibt.

Was das Genossenschaftsmodell wirklich leistet und was es ausdrücklich nicht ist

Die häufigste Fehlinterpretation in der öffentlichen Debatte lautet, hier werde eine Kapitalanlage angeboten. Das ist sie nicht, und sie soll es nicht werden. Ein Anteil von 999 Euro ist kein Investment mit Renditeerwartung. Er ist die Eintrittskarte in eine Eigentümergemeinschaft, die einen Ort dauerhaft dem spekulativen Immobilienmarkt entziehen will.

Der Unterschied ist praktisch, nicht rhetorisch. Eine Genossenschaft, die Eigentümerin einer Insel ist, kann diese Insel nicht an den Meistbietenden weiterreichen, ohne dass die Mitglieder es beschließen. Es gibt keinen Exit, der ein Geschäftsmodell wäre. Es gibt keinen Wertzuwachs, der ausgeschüttet wird. Es gibt einen Ort und die Menschen, die ihn tragen.

Was die Beteiligung stattdessen bietet:

  • Mitbestimmung nach dem Prinzip ein Mitglied, eine Stimme, unabhängig von der Höhe der Einlage
  • Eigentum an einem Ort, der nicht einem einzelnen Investor gehört
  • Zugang zu einem Projekt, das Film, Fotografie, Musik, Workshops und Begegnung ermöglichen soll, sobald die rechtlichen Voraussetzungen dafür geschaffen sind
  • die Möglichkeit, statt Geld auch Zeit, Know-how oder Material einzubringen, etwa aus Architektur, Handwerk, Energietechnik, Design oder Landschaftsplanung

Was die Beteiligung nicht bietet: eine Verzinsung, eine garantierte Nutzung, einen Anspruch auf Übernachtung oder eine Sicherheit, dass jede Idee genehmigt wird. Wer das sucht, ist bei Ostervilm falsch, und wir sagen das lieber jetzt als später.

Wo die Berichterstattung unscharf wurde

Zwei Korrekturen halten wir für angebracht. Erstens: Die Zuspitzung auf das Spektakel. Der Schnaps-Satz aus dem Berliner Kurier ist eine gute Zeile und ein schlechter Maßstab. Er beschreibt einen Moment auf einer verfallenen Insel, nicht ein Vorhaben. Wer daraus ableitet, hier handle jemand kopflos, verwechselt Erschrecken mit Ahnungslosigkeit.

Zweitens: Die Zurechnung von Quellen. In der Diskussion tauchen Namen großer Medienhäuser auf, die zu Ostervilm bislang vor allem Agenturmeldungen wiedergegeben haben. Belastbare eigene Recherche liegt derzeit vor allem beim NDR, ergänzt um die Auktionsberichte von n-tv, FFH und dem Berliner Kurier. Wer Kritik prüfen will, sollte an der Primärquelle prüfen. Das gilt für Kritik an uns genauso wie für alles andere.

Und eine Einordnung, die wir dem NDR ausdrücklich zugutehalten: Die Berichterstattung stellt sowohl die Vision als auch die Risiken dar, sie zitiert Behörden und Verbraucherschützer und sie verzichtet auf Häme. Das ist mehr, als ein Projekt in dieser Frühphase erwarten darf.

Was daraus folgt für alle, die überlegen mitzumachen

Ostervilm ist kein sicheres Vorhaben und wird nie eines sein. Die Insel ist schwer beschädigt, die Sanierungskosten sind nicht abschließend beziffert, die Genossenschaft ist in Gründung, die Nutzungsgenehmigungen sind offen. Jede dieser Feststellungen stammt aus der öffentlichen Berichterstattung, und jede stimmt.

Daraus folgt eine einfache Empfehlung, die gegen unser kurzfristiges Interesse spricht und trotzdem richtig ist: Zeichnen Sie keinen Anteil mit Geld, das Sie brauchen. Zeichnen Sie ihn, wenn Sie 999 Euro dafür einsetzen wollen, dass ein vergessener Ort in der Ostsee nicht weiter zerfällt und nicht in den Kreislauf aus Kauf, Aufwertung und Weiterverkauf gerät. Prüfen Sie die Satzung, wenn sie vorliegt. Fragen Sie nach dem Stand der Eintragung. Verlangen Sie Zahlen, sobald es welche gibt, und misstrauen Sie jedem, der Ihnen heute schon welche verspricht.

Jahrzehntelang hat diese Insel gewartet. Was aus ihr wird, entscheidet sich nicht in Schlagzeilen, sondern in Prüfberichten, Bauanträgen, Naturschutzauflagen und in der Frage, ob genug Menschen bereit sind, gemeinsam etwas zu tragen, das keiner allein tragen könnte. Wir halten diese Frage für offen. Und wir werden sie öffentlich beantworten, mit denselben Zahlen, die auch der NDR bekommt.

Häufige Fragen

Ist die Eden Island eG bereits eingetragen?

Nein. Die Genossenschaft befindet sich laut Berichterstattung in Gründung, Eintragung und Anerkennung stehen aus. Vor der Eintragung findet eine Prüfung durch einen genossenschaftlichen Prüfungsverband statt, dieses Verfahren lässt sich nicht abkürzen.

Was kostet ein Anteil und was bekomme ich dafür?

Ein Anteil kostet 999 Euro, geplant ist laut NDR die Ausgabe von 1.000 Anteilen. Sie erhalten Mitbestimmung nach dem Prinzip ein Mitglied, eine Stimme, unabhängig von der Zahl Ihrer Anteile, aber keine Rendite und keinen garantierten Nutzungsanspruch.

Wie schlecht ist der Zustand der Insel wirklich?

Der NDR berichtet von massiven Feuchtigkeitsschäden, undichten Dächern, Korrosion an Beton- und Stahlstrukturen und erheblichen Vandalismusspuren, die Schäden seien größer als ursprünglich vermutet. Diese Darstellung ist zutreffend, der Käufer selbst spricht von einem sehr hohen Sanierungsaufwand.

Ist eine touristische oder künstlerische Nutzung genehmigt?

Nein. Die genehmigte Nutzung ist historisch militärisch geprägt, für andere Nutzungen wären laut NDR Bau- und Naturschutzrecht, gegebenenfalls Wasserrecht und Denkmalschutz zu prüfen. Es existiert derzeit ein Konzept, kein Bescheid.

Warum warnt die Verbraucherzentrale und wie gehen Sie damit um?

Die Verbraucherzentrale rät generell, Genossenschaftsmodelle mit hohen Einlagen und spekulativer Projektentwicklung kritisch zu prüfen, insbesondere Eintragung, Satzung und Wirtschaftsplanung. Wir halten diese drei Prüffragen für richtig und beantworten sie öffentlich, auch dort, wo die Antwort heute noch lautet: steht aus.

Quellen

Insel 1000

Eine Insel in Gemeinschaft

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