Eden Island
Journal

Logbuch11. August 20268 Min. Lesezeit

Greifswalder Bodden: Was die Insel über Küstenschutz verrät

Die rostige Plattform von Eden Island steht mitten im Greifswalder Bodden, einem Natura-2000-Gebiet mit ökologischem Zustand "schlecht". Was das über Küstenschutz sagt.

Greifswalder Bodden: Was die Insel über Küstenschutz verrät
Greifswalder Bodden: Was die Insel über Küstenschutz verrät

Rost frisst sich durch Stahl, Beton bröckelt, Geländer fehlen. Wer zum ersten Mal an der ehemaligen DDR-Station Ostervilm anlegt, sieht zuerst den Verfall. Der zweite Blick geht nach unten und nach außen: auf das Wasser, in dem dieses Bauwerk steht. Und dieses Wasser ist kein beliebiger Hintergrund. Es ist ein europäisch geschütztes Gebiet, ein Flachgewässer mit Problemen, ein Rastplatz für zehntausende Vögel. Der Zustand der Plattform und der Zustand des Boddens erzählen dieselbe Geschichte aus zwei Richtungen.

Ein Flachgewässer mit 13 Metern Maximaltiefe und europäischem Schutzstatus

Der Greifswalder Bodden ist als Landschaftsschutzgebiet rund 56.522 Hektar groß und umfasst laut der Ausweisung des Landkreises Vorpommern-Greifswald die gesamte Wasserfläche von Südost-Rügen bis zur Greifswalder Oie. Schutzzweck sind ausdrücklich der Erhalt von Lebensräumen, der Wasserkörper, die Unterwasservegetation, die Sedimentdynamik und störungsarme Vogellebensräume. Das ist eine bemerkenswert vollständige Aufzählung, weil sie nicht nur einzelne Arten nennt, sondern die Prozesse, die diese Arten überhaupt tragen.

Dazu kommt der europäische Rahmen. Der Bodden ist Vogelschutzgebiet und Teil des Natura-2000-Netzes. Der NABU führt ihn als Teil des FFH-Gebiets "Greifswalder Bodden, Teile des Strelasundes und Nordspitze Usedom" mit einer Fläche von 60.000 Hektar. Typische Lebensräume sind dort Flachwasserzonen, Seegraswiesen, Riffe, Sandbänke, Lagunen und Watten.

Entscheidend für das Verständnis ist die Tiefe. Mit bis zu 13 Metern ist der Bodden ein Flachgewässer. Licht erreicht den Grund, Unterwasservegetation kann wachsen, Vögel können tauchend oder gründelnd Nahrung finden. Genau diese Flachheit macht das Gewässer aber auch empfindlich. Was eingetragen wird, verdünnt sich nicht in der Tiefe. Was aufgewirbelt wird, bleibt länger in der Schwebe. Ein Bodden verzeiht weniger als eine offene See.

Der ökologische Zustand ist schlecht, und das steht so in den Berichten

Hier hilft keine Beschönigung. In einem Betreuungsbericht des WWF wird der nach Wasserrahmenrichtlinie bewertete ökologische Zustand des Greifswalder Boddens als "schlecht" beschrieben, Zustandsklasse 5. Der chemische Zustand gilt als "nicht gut". Der WWF bewertet auch den Erhaltungszustand des relevanten Lebensraumtyps 1160 mit C, also ungünstig, und nennt als Hauptgründe die reduzierte Makrophytenbesiedlung sowie die hohe Nährstoffbelastung.

Der NABU kommt für die typischen Meeresarme und -buchten zur selben Einstufung C und listet als Gefährdungsursachen unter anderem Eingriffe in Austauschprozesse, Hafen- und Fahrrinnenbau, Sportverkehr und Nährstoffeinträge. In älteren Fach- und Projektberichten werden Stickstoffeinträge aus Zuflüssen, atmosphärische Deposition und Nährstofffreisetzungen aus dem Sediment als Hauptursachen für den schlechten Zustand genannt.

Warum Nährstoffe das Licht nehmen

Die Kette ist unspektakulär und deshalb so hartnäckig. Nährstoffe fördern Algen, Algen trüben das Wasser, trübes Wasser lässt weniger Licht zum Grund, und ohne Licht verschwinden Seegraswiesen und andere Makrophyten. Mit ihnen verschwindet Struktur: Kinderstube für Fische, Halt für Sediment, Nahrung für Vögel. Dass die reduzierte Makrophytenbesiedlung im WWF-Managementplan als Bewertungsgrund auftaucht, ist also kein botanisches Detail, sondern die Diagnose eines Systems, dem der Boden abhandenkommt.

Für uns heißt das: Der Bodden ist kein unberührtes Idyll, das man durch Anwesenheit gefährdet. Er ist ein belastetes Gewässer, in dem jede zusätzliche Belastung schwerer wiegt als anderswo. Das ist ein Unterschied in der Argumentation, und er verändert, wie ein Projekt auf dem Wasser geplant werden muss.

Küstenschutz am Bodden funktioniert anders als an der Außenküste

Wer an Küstenschutz in Mecklenburg-Vorpommern denkt, hat meist Bilder der Außenküste im Kopf: Buhnen, Deckwerke, Sandvorspülungen. Am Bodden ist die Lage historisch eine andere. Im Generalplan des Landes ist festgehalten, dass Küsten- und Hochwasserschutzanlagen an den Boddengebieten deutlich seltener sind als an der offenen Außenküste und dort fast ausschließlich in Form von Hochwasserschutz erfolgten. Die Binnenküste wurde also seltener befestigt und stärker sich selbst überlassen.

Das ist zunächst eine Verwaltungstatsache. Sie wird aber zu einer ökologischen Aussage, sobald man den Schutzzweck des Landschaftsschutzgebiets danebenlegt: Der Erhalt der natürlichen Sedimentdynamik wird dort ausdrücklich genannt. Sediment, das wandert, ist am Bodden kein Fehler im System, sondern Teil davon. Erosion an der einen Stelle bedeutet Anlandung an der anderen, Sandbänke und Flachwasserzonen entstehen und verschieben sich.

Der Konflikt, den man nicht wegplanen kann

Genau hier entsteht die Spannung, die die Küstenschutzdebatte im Ostseeraum prägt. Steigende Wasserstände und veränderte Sturmlagen erhöhen den Druck, Küstenlinien technisch zu fixieren. Feste Bauwerke unterbrechen aber genau jene Sedimenttransporte, deren Erhalt im Schutzzweck steht. Eine Küste, die nicht mehr wandern darf, kann sich auch nicht mehr anpassen. Sie wird verteidigt statt entwickelt.

Unsere Einschätzung dazu ist klar: Küstenschutz im Bodden ist keine reine Bauaufgabe. Wasserqualität, Sedimentdynamik und Habitatstruktur sind Teil desselben Schutzsystems. Wo Seegras wächst, hält Sediment. Wo Flachwasser strukturiert ist, bricht Wellenenergie. Ökologie ist hier nicht das Gegenstück zum Schutz der Küste, sie ist eines seiner Werkzeuge.

Was der Verfall der Plattform tatsächlich zeigt

Die Station Ostervilm ist ein Bauwerk, das man einmal hingestellt und dann losgelassen hat. Salzwasser, Eisgang, Wind und Jahrzehnte ohne Instandhaltung haben ihre Arbeit getan. Man kann darin ein trauriges Bild sehen. Man kann darin aber auch eine sehr präzise Lehre lesen: Am Bodden gibt es keine Bauwerke, die man einmal errichtet und dann vergisst. Es gibt nur Bauwerke, die dauerhaft betreut werden, und solche, die zerfallen.

Das gilt für Deckwerke und Hochwasserschutzanlagen genauso wie für eine ehemalige Messstation. Jede technische Struktur im Wasser ist ein Versprechen auf Wartung über Jahrzehnte. Wer das Versprechen nicht einlösen kann, hinterlässt Rost, Beton und Fremdmaterial in einem Gebiet, das als Vogelschutzgebiet und FFH-Fläche geschützt ist. Der Zustand der Insel ist insofern kein Randthema, sondern ein Modellfall.

Für Eden Island bedeutet das eine unbequeme, aber ehrliche Ausgangslage. Wir übernehmen kein Grundstück, sondern eine Verantwortung mit Zeitachse. Die Sanierung ist nicht der Abschluss, sie ist der Anfang eines Betriebs, der weitergehen muss, auch wenn die erste Begeisterung abgeklungen ist. Genau deshalb ist die genossenschaftliche Struktur mit 1.000 Anteilen zu je 999 Euro keine Finanzierungsformalie. Sie verteilt eine Dauerverpflichtung auf viele Schultern, statt sie an einen einzelnen Eigentümer zu hängen, der sie irgendwann abstoßen kann.

Störungsarmut ist kein Verzicht, sondern eine Planungsgröße

Der Bodden gilt laut Bundesamt für Naturschutz zusammen mit dem Strelasund als herausragender Lebensraum für zahlreiche Vogelarten, mit Brut-, Rast- und Überwinterungsquartieren. Die Ausweisung des Landschaftsschutzgebiets nennt störungsarme Vogellebensräume ausdrücklich als Schutzzweck, das Gebiet gilt als bedeutendes Rast- und Schlafgebiet sowie als Brut-, Überwinterungs- und Nahrungsgebiet gefährdeter Arten.

Störung ist dabei kein moralischer Begriff, sondern ein energetischer. Ein rastender Vogel, der wiederholt auffliegt, verbrennt Reserven, die für den Weiterzug gedacht waren. Das entscheidet über Herbst und Winter, nicht über einen Nachmittag. Für ein Projekt auf dem Wasser heißt das: Anfahrt, Frequenz, Tageszeiten und Jahreszeiten sind Planungsparameter, keine Nebensache.

Was daraus für die Nutzung folgt

  • Saisonale Rhythmen statt Dauerbetrieb. Rast- und Brutzeiten sind gesetzt, das Programm richtet sich danach und nicht umgekehrt.
  • Wenige, gebündelte Anfahrten statt permanentem Pendelverkehr. Eine Produktion, die drei Tage bleibt, stört weniger als zwölf Tagesbesuche.
  • Energie und Wasser möglichst geschlossen denken, weil Nährstoffeinträge im Bodden nachweislich Teil des Problems sind.
  • Rückbau von Fremdmaterial statt Ergänzung um weitere Fremdmaterialien. Was runter kann, kommt runter.

Für Film und Fotografie ist das ehrlicherweise kein Hindernis. Wer Stille, Licht und Weite sucht, braucht ohnehin wenig Betrieb. Die Grenzen des Ortes und die Anforderungen an ihn liegen erstaunlich nah beieinander.

Was daraus für dieses Projekt folgt

Die Bewertungen von WWF und NABU lassen wenig Spielraum für romantische Erzählungen. Ein Gewässer im ökologischen Zustand "schlecht" mit einem chemischen Zustand "nicht gut" und einem ungünstigen Erhaltungszustand des Lebensraumtyps 1160 ist kein Ort, an dem man unbekümmert Nutzung addiert. Es ist ein Ort, an dem man begründen muss, warum die eigene Anwesenheit die Bilanz nicht verschlechtert.

Unsere Antwort darauf besteht aus drei Punkten. Erstens: Wir bauen keine Küstenlinie um. Die Insel steht, wo sie steht, wir fügen dem Bodden keine neue Fläche und keine neue Barriere hinzu. Zweitens: Wir behandeln die bestehende Struktur als Altlast, die betreut werden muss, nicht als Baugrund für Erweiterung. Drittens: Wir machen den Zustand des Gewässers zum Thema statt zur Kulisse. Ein Ort für Film, Fotografie und Workshops mitten in einem belasteten Natura-2000-Gebiet kann Aufmerksamkeit dorthin lenken, wo sie selten hinkommt, nämlich unter die Wasseroberfläche eines Flachgewässers.

Der Greifswalder Bodden zeigt in kleinem Maßstab, was Küstenschutz unter veränderten Klimabedingungen bedeutet: nicht nur Wände gegen Wasser, sondern Erhalt der Prozesse, die eine Küste widerstandsfähig machen. Sediment, das wandern darf. Vegetation, die Licht bekommt. Vögel, die zur Ruhe kommen. Eine rostige Plattform, die seit Jahrzehnten dort steht, ist der denkbar konkreteste Anlass, über all das zu sprechen. Deshalb sanieren wir sie nicht trotz des Schutzgebiets, sondern in dem Bewusstsein, dass sie ohne die Regeln dieses Gebiets keinen Sinn ergibt.

Häufige Fragen

Wie groß ist der Greifswalder Bodden und welchen Schutzstatus hat er?

Das Landschaftsschutzgebiet umfasst laut Landkreis Vorpommern-Greifswald rund 56.522 Hektar und reicht von Südost-Rügen bis zur Greifswalder Oie. Der Bodden ist zugleich Europäisches Vogelschutzgebiet und Teil des Natura-2000-Netzes; der NABU nennt für das zugehörige FFH-Gebiet eine Fläche von 60.000 Hektar.

Wie steht es um den ökologischen Zustand des Boddens?

In einem Betreuungsbericht des WWF wird der nach Wasserrahmenrichtlinie bewertete ökologische Zustand als "schlecht" (Zustandsklasse 5) und der chemische Zustand als "nicht gut" beschrieben. WWF und NABU bewerten den Erhaltungszustand der typischen Meeresarme und -buchten übereinstimmend mit C, also ungünstig.

Warum ist der Bodden so empfindlich?

Der Bodden ist mit bis zu 13 Metern Tiefe ein Flachgewässer. Nährstoffeinträge und Trübung wirken sich hier direkt auf die Unterwasservegetation aus, weil das Licht den Grund erreichen muss, damit Seegraswiesen und andere Makrophyten wachsen können.

Unterscheidet sich Küstenschutz am Bodden von dem an der Außenküste?

Ja. Im Generalplan Mecklenburg-Vorpommerns ist festgehalten, dass Küsten- und Hochwasserschutzanlagen an den Boddengebieten deutlich seltener sind als an der offenen Außenküste und dort fast ausschließlich als Hochwasserschutz ausgeführt wurden. Gleichzeitig nennt der Schutzzweck des Gebiets ausdrücklich den Erhalt der natürlichen Sedimentdynamik.

Wie verträgt sich ein Kreativort auf der Insel mit dem Vogelschutz?

Indem Störungsarmut zur Planungsgröße wird: saisonale Rhythmen statt Dauerbetrieb, wenige gebündelte Anfahrten statt permanentem Pendelverkehr und Rückbau von Fremdmaterial statt Erweiterung. Rast- und Brutzeiten geben den Takt vor, nicht das Programm.

Quellen

Dieser Beitrag wurde mit KI-Unterstützung erstellt.

Insel 1000

Eine Insel in Gemeinschaft

1.000 Anteile à 999 € — je aktivem Mitglied eine Stimme. Reserviere unverbindlich vor und werde Teil der Genossenschaft.